Schäm‘ dich! Warum unsere Seele unter Schamgefühlen leidet

Jeder Mensch hat Schamgefühle!

„Wofür schämst du dich?“ Als ich neulich in einem tiefgründigen Gespräch mit guten Freunden mit dieser Frage konfrontiert wurde, stieg es in mir empor – das Schamgefühl. Allein der Gedanke an jene Dinge, für die ich unbewusst glaube mich schämen zu müssen, genügte. Was für ein starkes unangenehmes Gefühl, das jeden von uns gelegentlich einholt. Aber woher rührt es?

Woher kommen Schamgefühle?

Zum einen sind dafür die eigenen Schamgrenzen verantwortlich, die jeder individuell in seiner Ursprungfamilie und später in der Schule auferlegt bekommt. Ein Beispiel hierfür ist der Umgang mit Nacktheit oder Sexualität.

Die Wahrheit über Schamgefühle!

Wesentlich tiefgreifender erklärt sich das Schamgefühl so: Jeder Mensch gestaltet im Laufe seines Lebens sein Selbstbild. Für unsere Umwelt, sprich die Menschen um uns herum, motzen wir dieses Selbstbild aber auf. Wir erschaffen also zusätzlich ein ideelles Selbstbild von uns. Immer dann, wenn eine Situation oder ein Gespräch etwas offenbart, das dem ideellen Selbstbild nicht entspricht, schämen wir uns zu tiefst. Es ist nicht nur die Entblößung dem anderen gegenüber, die uns dabei zu schaffen macht, sondern unser schadhafter Glaube daran, dass wir in Wirklichkeit viel minderwertiger sind als wir vorgeben zu sein. Und daher ist jede aufkeimende Scham gleichzeitig ein Angriff auf unseren Selbstwert.

Was machen Schamgefühle mit uns?

Sie machen uns Glauben, dass wir in einem Bereich nicht gut, nicht schön, nicht intelligent oder liebenswert genug sind. Sie entfachen in uns Gedanken wie „mit mir stimmt etwas nicht“ und verletzen unsere Seele damit zutiefst. Eine Maßnahme, die daher viele wählen, ist die Vermeidung von Situationen, in denen sie ein Schamgefühl befürchten. Warum das aber keineswegs ein gesunder Weg ist, möchte ich gleich anhand von Sybilles Geschichte aufzeigen. Anschließend gibt es Anregungen zu einem heilsamen Umgang mit Schamgefühlen.

Sybille, die ihren Schamgefühlen entkommen wollte

Sybille schämte sich für ihren Körper, für ihren niedrigen Intellekt, für ihre Ausdrucksweise und sogar für ihre Kinder, die oftmals nicht ihrem ideellen Familienbild entsprachen. Weil die häufigen Schamgefühle ihren Körper bereits angegriffen hatten und sie sich immer wieder schlapp oder krank fühlte, fasste sie den Entschluss jeglichen Situationen, in denen Scham entstehen könnte, auszuweichen.

Im Haushalt führte das dazu, dass sie perfektionistisch wurde. Sie wollte keinen Grund zur Schande mehr liefern und putzte daher täglich viele Stunden. Damit sie sich für ihre Kinder nicht mehr schämen musste, kontrollierte sie alles, was sie taten mehrfach. (z.B. ihre Zimmer, ihre Hausaufgaben.) Um im Gespräch mit Freunden und Bekannten nicht mehr wegen ihres Nichtwissens und einer anderen Meinung entblößt zu werden, stimmte sie einfach immer zu. Ähnlich verhielt sie sich auch ihrem Mann gegenüber, an den sie sich mehr und mehr klammerte.

Nach einigen Jahren fiel es Sybille dann wie Schuppen von den Augen. Sie wusste nach all den Vermeidungsstrategien nicht mehr, wer sie eigentlich selbst war. Ihre Maßnahmen, wie Perfektionismus, Kontrollzwang, zwanghaftes Anpassen, Selbstlosigkeit und Klammern führten dazu, dass sie sich selbst entfremdet hatte.

Ihr Selbstwert war somit absolut am Boden. Und das schlimmste für sie – die Schamgefühle war sie trotzdem nicht los geworden. Sie war in einem Kreislauf gelandet. Um so öfter die Schamgefühle empor stiegen, desto mehr verleugnete sie sich selbst, dadurch sank ihr Selbstwert. Und desto niedriger ihr Selbstwert war, desto häufiger kamen die Schamgefühle.

Selbsthilfe – ein heilsamer Umgang mit Schamgefühlen

Sybille holte sich daraufhin Unterstützung und lernte schon bald Methoden kennen, die ihr ermöglichten der Scham auf den Grund zu kommen und die dahinter steckenden Gefühle zu heilen. Ein paar dieser Interventionen, möchte ich euch heute vorstellen.

1. Lass deine Gefühle zu!

Ja auch das Schamgefühl! Vermutlich wird es dir in einer Situation, wo du Scham empfindest schwer fallen, einfach zu sagen: „Das lass ich jetzt zu!“ Deshalb ist es ratsam, dass du dich ein paar Stunden nachdem das Schamgefühl vorüber ist, nochmal darauf fokussierst. Mit dem notwendigen Abstand wird es dir gelingen das Gefühl genauer zu betrachten. Und nun fragst du dich: „Warum empfinde ich dabei Scham? Was steckt dahinter?“ Notiere dir die Antworten, sie liefern dir Indizien dafür, in welchem Bereich du noch an deinem Selbstwert und der notwendigen Selbstliebe arbeiten kannst. (Mehr dazu gibt es hier: Selbstbewusstsein)

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2. Woher kommt das Schamgefühl?

Wie bereits erwähnt, erlernen wir Scham bereits in der Kindheit. Die Aussage „Schäm dich!“ hat uns in der Kindheit signalisiert in welchem Bereich wir unzulänglich oder gar peinlich waren. Das Kind von damals hat diese Aussage für wahr gehalten und tief in seinem Unterbewusstsein verankert. Als Erwachsene schämen wir uns dann oftmals noch für die selben Dinge, wie in der Kindheit, ohne dass wir jemals geprüft haben, ob das wofür wir uns schämen nicht bereits völlig überholt ist.

Daher erforsche, woher deine Schamgefühle kommen. Wie und durch wen hast du sie angelernt bekommen? Als Kind hattest du keine andere Wahl als an die Worte der Erwachsenen zu glauben, heute aber bist um viele Erfahrungen reicher und stärker. Du hast die Kraft die Aussage von damals zu revidieren. (Mehr dazu: Glaubenssätze)

3. Verbote und Schamgefühle!

Hinter Scham stecken auch oftmals Verbote. Auch diese stammen meist aus unserer Kindheit und Jugend. Überprüfe auch hier, ob diese Verbote für dich heute noch gültig sind, indem du dich fragst, wann, wie und durch wen sie dir auferlegt wurden.

4. Wer sind die Gefährten vom Schamgefühl?

Das Schamgefühl kommt meist nicht alleine. Meist paart es sich mit Gefühlen wie Angst, Verzweiflung, Minderwertigkeit oder Schuld. Versuche diese Gefühle zu benennen. Infolge stellst du dir jene Gefühle, die du identifizieren konntest, wie kleine Kinder vor.

Zum Beispiel so: „Ich bin die kleine Angst und ich fürchte mich so sehr.“ Höre diesem Gefühl liebevoll zu und versuche Antworten zu erhalten. Wovor fürchtet sich die kleine Angst? Was kannst du tun, um der kleinen Angst zu helfen? Welches Bedürfnis liegt hinter der Angst? Deine intuitiven Antworten sind ein Hinweis darauf, durch welche Handlungen und Gedanken du deine Wunden, die diese Gefühle in dir auslösen, heilen kannst. (Mehr dazu: Gefühle annehmen und transformieren)

Wichtig im Umgang mit Scham

  • Sei dir darüber bewusst, dass jeder Mensch Scham empfindet.
  • Nicht immer bedeutet ein Schamgefühl ein tiefsitzendes Trauma.
  • Wähle einen liebevollen Umgang mit deinem Schamgefühl und sei vor allem geduldig mit dir selbst!

Alles Liebe, deine Melanie

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2 Kommentare

  1. War sehr interessant. Habe mich bis jetzt noch nie mit Schamgefühlen beschäftigt. Ich werde beobachten, ob ich sie habe. Oder wie oft. Ich erinnere mich zwar an die Kindheit da wurde ich nämlich öfter rot. Aber als ich erwachsen wurde nicht mehr. Vielleicht ist es mir deshalb nicht mehr aufgefalllen.
    Habe den Artikel gerne geteilt, lg Miriam

    • Liebe Miriam!
      Danke für dein Kommentar. Es freut mich, dass du dir aus dem Beitrag interessante Ansätze mitnehmen konntest. Beobachtung ist gut, zwanghaften Suchen aber muss nicht sein. Solange dir ein Gefühl nicht permanent unangenehm ist, darf es ruhig auch einfach mal da sein. Herzlichen Gruß

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