Wie du damit aufhörst, es allen recht zu machen!

Sie möchte es allen recht machen

Vielleicht kennst du diese Frau? Sie steht um sechs Uhr morgens auf, um die Jausenbrote für die Kinder zu schmieren und die Hemden ihres Mannes zu bügeln. Auf ihrem Arbeitsplatz angelangt, erblickt sie einen Stapel Akten. Ihre Arbeit quillt auch ohne die zusätzlichen Aufgaben mit denen sie ständig konfrontiert wird schon über. Aber „nein“ sagen oder sich gar beschweren, das kann sie nicht.

Um 16 Uhr atmet die Frau dann kurz durch. Sie hat einen harten Arbeitstag hinter sich, die Hausaufgaben mit den Kindern erledigt und mit ihrer Schwester telefoniert, die dringend ihren Zuspruch brauchte. Plötzlich schnallt die Nachbarin die Tür herein. „Sag mal, bist du nicht heute dran mit Stiegenhaus putzen.“ Eigentlich ist sie völlig erledigt und würde das gerne morgen machen, aber anderen vor den Kopf stoßen, das kann sie nicht.

Als der Ehemann abends von seiner Arbeit erzählt, ist sie müde und abwesend. Da sagt er: „Du verhältst dich aber ziemlich daneben, ich hab dir gerade zweimal dasselbe erzählt und dir ist es nicht einmal aufgefallen. „Tut mir leid mein Schatz,“ sagt sie, weil „halt die Klappe und frag lieber einmal mich, wie es mir geht,“ bringt sie einfach nicht über ihre Lippen.

Um jeden Preis geliebt werden

Ich gestehe, die Frau in meiner Geschichte ist eine fiktive Person, die dir aber womöglich dennoch situativ bekannt vor kommt. Denn den Drang es allen recht zu machen, um gemocht, geliebt und geschätzt zu werden, den haben sehr viele von uns. Warum es uns schwer fällt aus der Reihe zu tanzen, anzuecken oder einmal nein zu sagen und wieso genau das schlecht für unsere mentale Gesundheit ist, darüber schreibe ich im heutigen Beitrag.

Gründe, warum wir es allen recht machen wollen

1. Die Anerkennungssucht

Wir alle benötigen Anerkennung. Sie ist eine Form der Liebe und genau diese ist für uns Menschen quasi überlebenswichtig. Eigentlich sollte Liebe bedingungslos sein. Vor einiger Zeit als wir noch Babys waren, bekamen wir diese Liebe unhinterfragt geschenkt.

Später aber wurde uns beigebracht, dass wir nur dann Liebe in Form von Anerkennung und Lob bekommen, wenn wir uns konform verhalten, brav und lieb sind oder etwas leisten. Diese, an Bedingungen geknüpfte Anerkennung, hat bei vielen von uns Spuren hinterlassen. Oftmals glauben wir bis heute, dass wir nur dann geliebt werden, wenn wir ein Sonnenschein sind, uns niemals beschweren, das Richtige tun und es allen recht machen. Warum das nicht der Wahrheit entspricht, erläutere ich später noch genauer.

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2. Harmoniebedürftig – Angst vor Konflikten

Ein weiterer Grund, warum wir nicht anecken wollen, ist unser Steinzeitgehirn. Vor einigen tausende Jahren hatten wir keine Chance alleine zu überleben. Nur im Rudel waren wir stark genug gegen die rauen Gegebenheiten der Welt. Verhielten wir uns damals falsch oder gar egoistisch, so wurden wir von der Gruppe verstoßen und von wilden Tieren gefressen.

Heute sieht unsere Welt natürlich anders aus. Dennoch haben viele Menschen noch die starke Urangst des Alleine-gelassen-werdens in sich. Und manchmal fühlt sich die Vorstellung verstoßen zu werden dann tatsächlich so an als müsste man sterben.

3. Pluspunkte sammeln

Viele Menschen neigen dazu im Leben Pluspunkte zu sammeln. Oftmals unbewusst gehen sie davon aus, dass wenn sie heute Gutes tun und sich für andere aufopfern, sie dann irgendwann dafür belohnt werden. Dieses Grundprinzip ist ganz und gar nicht uneigennützig. Das Gewissen wird dadurch beruhigt und außerdem fühlt man sich stark, wenn andere in der eigenen Schuld stehen. Unbewusst wird diese Art der Anerkennungssucht dazu verwendet, um sich selbst mächtiger zu fühlen.

„Everybodys darling“ sein, ist ungesund – 3 Auswirkungen

Ein bisschen darauf zu achten, was anderen von einem halten ist durchaus gut. Aber wenn man versucht zu sehr zu gefallen dann hat das eine ganze Reihe von schmerzhaften Konsequenzen:

  • Wer nur darauf achtet, was andere wollen und erwarten, lebt unfrei. Anstatt selbst zu gestalten, tut er das, was andere sich wünschen. Damit einher geht natürlich auch, dass man „ja“ sagt, obwohl man eigentlich gerne „nein“ sagen würde. Das Gefängnis der Unfreiheit festigt sich dadurch.
  • Ein miserabler Selbstwert: Indem man immer nur für andere tut, sich ihren Ansprüchen gemäß konform verhält und seine eigenen Bedürfnisse permanent hinten anstellt, signalisiert man sich selbst und der ganzen Welt, dass man weniger wert ist als all die anderen. Ein niedriger Selbstwert ist die Folge.
  • Zusätzlich verlernt man dabei seine Bedürfnisse wahrzunehmen, weil man ja stetig damit beschäftigt ist den Erwartungen der anderen zu entsprechen. Hat man seine Sehnsüchte dann erstmals gekonnt verdrängt, weiß man schlussendlich nicht mehr, was man sich eigentlich im Leben gewünscht hat. Ziele und Träume, ja oftmals sogar die eigene Identität verschwimmen. Die Frage der Sinnhaftigkeit stellt sich. An dieser Stelle gesellt sich dann nicht selten eine Depression hinzu.

Das Geschenk, wenn du von jedem gemocht wirst

Während die negativen Auswirkungen enorm sind, halten sich die positiven in Grenzen. Das einzige Geschenk, das wir damit erwirken, ist womöglich folgender Text auf unserem Grabstein: „Sie hat nie mit jemanden angeeckt, nie eine eigene Meinung oder gar eine Idee gehabt, sie war immer lieb und brav. Glücklich war sie nicht, aber alle haben sie gemocht, wenn auch nicht geachtet!“

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Dieses schwarze Geschenk macht gleichzeitig das Paradoxe am „Es-allen-recht-machen-Phänomen“ deutlich. Denn in Wahrheit bewundern wir vielmehr all jene Menschen, die aus der Reihe tanzen, selbstbewusst ihr Ding machen, verrückt ihr Leben meisten und auch einmal nein sagen. Sie leben authentisch, aus ihrem Herzen heraus und inspirieren dadurch ihre Mitmenschen.

Inspirierende Gedanken – Mach´s dir selbst recht!

  • Mach dir bewusst, welche Menschen du achtest und bewunderst? Sind es Mitläufer und Ja-Sager oder eher selbstbewusste Lebenskünstler?
  • Halte dir vor Augen, dass alle Menschen, die dich wirklich lieben daran interessiert sind, dass du glücklich bist und nicht daran, dass du ihnen ihr Leben möglichst leicht machst.
  • Denk an deine Grabrede. Welchen Eindruck möchtest du auf Erden hinterlassen?
  • Wenn du Angst hast jemanden vor dem Kopf zu stoßen, so überlege dir vorab, wie du das schonend tun kannst. Verständnis für dein Gegenüber und der Hinweis auf deine eigenen Bedürfnisse sind dabei hilfreich.
  • Überlege dir auch: Was ist dein Ding? Wofür brennst du? Was im Leben würde dich (und nicht die anderen) glücklich machen?

Ich wünsche dir die richtigen Impulse für einen liebevollen Umgang mit dir selbst, herzliche Grüße Melanie

6 Kommentare

  1. Oh mein Gott, ich dachte du schreibst über mich 😉 So war ich bis vor ungefähr einem Jahr auch noch, bis ich es endlich geschnallt habe.

    Wiedereinmal ein ganz wunderbarer Artikel von dir, vielen Dank! Ich hoffe den lesen ganz, ganz viele Menschen, denen es wie mir ergangen ist.
    Du sprichst mir wahrhaftig aus der Seele.

    Liebe Grüße
    Angelika von
    http://www.umgekrempelt.at

    • Liebe Angelika!
      Danke für dein Kommentar. Es freut mich, dass ich die richtigen Worten gefunden habe um dich und hoffentlich viele andere anzusprechen. Noch mehr freue ich mich aber darüber, dass du den Absprung bereits geschafft hast und es dir selbst recht machst!
      Jetzt schaue ich gleich mal bei dir vorbei und lasse mich auf deiner Seite ein wenig inspirieren.
      Herzlichen Gruß Melanie

  2. Wow, Melanie, was ein großartiger Artikel. Ich denke, Nein sagen lernen und auf seine eigenen Bedürfnisse achten, ohne in den Egoismus zu verfallen ist ein ziemlich langer Prozess, den viele niemals gehen. Und dann landet dieser grauenvolle Satz auf dem Grabstein (der mich ein bisschen hat lachen lassen 😉 )
    Viele liebe Grüße,
    Lisa

  3. Vielen Lieben Dank. Diese Artikel von Dir sind mir so hilfreich.
    Momentan poltert es aus mir raus wenn ich irgendwo bin
    War immer diese brave nette und zuvorkommende Person. Aber die körperlichen Schmerzen die man sich da antut habe ich erst jetzt verstanden da§ man sich verleugnet. Vielen Dank

    • Liebe Kerstin!
      Danke für dein offenes Kommentar. Ich wünsche dir für die nächste Zeit viel Mut zur Selbstliebe und eine große Portion Selbstfürsorge.
      Alles Liebe, Melanie

  4. Der Vergleich mit der Aufschrift auf dem Grabstein hat mich echt zum Nachdenken angeregt. Ich wünsche mir am Ende meines Lebens einen Unterschied gemacht zu haben und dafür muss man wahrscheinlich anfangs anecken. Ich werde ab jetzt nicht mehr „everybodys darling“ sein!

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